Neulich Glück gehabt. Meine am häufigsten gebrauchte Straßenbahnlinie kommt in relativ kurzen Abständen, allerdings praktisch nie pünktlich, so dass sich Komplettausfälle und Verspätungen zu einer undurchschaubaren Lotterie vereinen. Ich gehe einfach mit Musik im Ohr auf den Bahnsteig und nehme den nächsten Zug, machmal dauert es lang, machmal nicht. Nach...
Neulich Glück gehabt. Meine am häufigsten gebrauchte Straßenbahnlinie kommt in relativ kurzen Abständen, allerdings praktisch nie pünktlich, so dass sich Komplettausfälle und Verspätungen zu einer undurchschaubaren Lotterie vereinen. Ich gehe einfach mit Musik im Ohr auf den Bahnsteig und nehme den nächsten Zug, machmal dauert es lang, machmal nicht. Nach demselben Zufallsprinzip kaufe ich Tickets, also manchmal schon, machmal nicht. Ich kann auch nicht behaupten, deswegen ein schlechtes Gewissen zu haben. Mir kommt es im Gegenteil eher vor wie eine umstandsgerechte Spiegelung der bahnschen Komm-ich-heute-komm-ich-morgen-Mentalität. Soll die Bahn nur weiterhin mit der Zuverlässigkeit eines Drogensüchtigen zur Arbeit erscheinen, ich bezahle sie dafür so dynamisch wie ein Zuhälter, ganz nach Art und Sitte der Halbwelt, so lässt es sich mit der Bahn auskommen, so passt die Sache.
Ich laufe also gerade auf den Bahnsteig, überlege noch, ob ich die Fahrt zu meinem zwei Stationen entfernten Ziel bezahlen soll, aber noch bevor ich den notorisch schlecht funktionierenden Touch-Bildschirm des Kassenautomaten erreichen hätte können, fährt meine Zuglinie ein, wie bestellt und zum sofortigen Einstieg bereit. Klarer Fall: Reingehen und Schwarzfahren, andernfalls würde ich ja Gefahr laufen, einen späteren – also womöglich viel späteren – Zug nehmen zu müssen. Ich setze mich im leeren Fahrradabteil auf einen Klappstuhl. Aber der Zug fährt nicht, scheinbar ist er tatsächlich zu früh dran oder schon so spät, dass er für den Folgeverkehr wieder zu früh ist, wer weiß das schon. Jedenfalls steigen plötzlich zwei Kontrolleure ein, stellen sich einen Meter neben mich und warten ab, vermutlich auf die Abfahrt. Ich stehe also wieder auf, ziehe mit kurzem Blickkontakt an den Kontrolleuren vorbei, drehe ihnen in Rücken zu, um auszusteigen, eine Runde zu drehen, doch noch ein Ticket zu kaufen und nach einer erträglichen Verzögerung den nächsten Zug zu nehmen.