Tod Brownings „Freaks“ bleibt für mich auch nach der neuesten Sichtung einer der faszinierendsten Filme überhaupt. Der heikelste Aspekt des Films ist natürlich der Umgang mit den körperlich teilweise extrem beeinträchtigen Laiendarstellern, die zu jener Zeit als menschliche Kuriosität im Zirkus auftraten. Browning selbst lebte mehrere Jahre in einem Zirkus mit solchen Menschen und wollte ihnen mit seinem Film ein Denkmal setzen. Über die konkreten Zustände der Dreharbeiten weiß ich nicht viel, eingedenk der damaligen Verhältnisse waren sie wohl durchaus respektabel. Mir geht es hier aber vorwiegend um die Darstellung der „Freaks“ im Kosmos des Films. Dass sie am Schluß grausame Rache üben und in gewisser Weise zu jener furchterregenden Gruppe werden, zu der sie das gesellschaftliche Stigma degradiert hat, widerspricht dem Regelwerk des politisch Korrekten. Es ist aber kein trotziger Verstoß, der sich über vermeintliche Scheinheiligkeit hinwegsetzen möchte, es ist ein emanzipatorischer Akt, der die „Freaks“ von Wehrlosigkeit und Moral befreit. Der Film erzählt über weite Strecken mit großer Empathie von ihrer Liebenswürdigkeit und zeigt zudem die mordlüsterne Niedertracht der anderen. Er löst die Betroffenheit des Publikums aber im Furor der Rache auf, er nutzt die fiktionalen Möglichkeiten des Horrorgenres, um den „Freaks“ eine unvergessliche Transgression zu gönnen. Dabei wird jenes sehr geläufige Motiv der Filmgeschichte bedient, das die Befreiung der Unterdrückten feiert, jene Momente, in denen die Zuschauer:innen den Protagonisten jubelnd zurufen: „Zeigt es ihnen, macht sie fertig!“ Selbstverständlich wohnt diesem Gestus stets etwas Reaktionäres bei, aber in „Freaks“ sind die Identifikationsfiguren, also die Rache Ausübenden, einerseits ungewöhnlich weit von der üblichen Erfahrungswelt entfernt, andererseits aber nicht gänzlich außerhalb. Es ist nicht der unbeliebte Schüler, der sich gegen seine Bullys wehrt, es ist nicht der Gefangene, der sich seinen Ausweg freischießt und es ist nicht das misshandelte Fantasiewesen, das sich gegen die Menschen stemmt. Der Film bleibt innerhalb der Koordinaten unserer (damaligen) Welt, widmet sich aber extremen Polen und behält deren furchterregende Exotik bei, um sie zu einem der besten Horrorfilme zu fiktionalisieren.
One(((of(((us
Tod Brownings „Freaks“ bleibt für mich auch nach der neuesten Sichtung einer der faszinierendsten Filme überhaupt. Der heikelste Aspekt des Films ist natürlich der Umgang mit den körperlich teilweise extrem beeinträchtigen Laiendarstellern, die...